Ab morgen übers Wochenende ein neues Seminar mit den Start-Stipendiaten; ich schrieb früher schon davon. Freue mich. Ins Atelier kam ich diese Woche allerdings noch gar nicht, nun ist's zu spät, heute mach' ich Seminarvorbereitung.
Die neue Zeichnung schwirrt mir auf einer parallelen Ebene ständig durch den Kopf, ich sehe die Figuren vor mir, zeichne in Gedanken, das Atelier wartet. Nächste Woche, endlich.
Auch die neue Rubrik für hier ist in Arbeit, sie soll "Tainted Truth" heißen: Kurze Behauptungen aus allen Bereichen meines Denkens, derer ich mir selbst noch nicht sicher bin. Vielleicht auch nie sicher sein werde. Auch, mal wieder, als Einladung an Sie, werte Leser, sich hier reagierend zu vergnügen.
Erstmal, für alles Schöpferische, zumindest dessen Ausführung, brauch ich jedenfalls einen Schnitt: Erledigen, was getan werden muss, vorher. Dann die Leere einziehen lassen. Langsam ausrichten. Dann manifestieren.
Hab das Wort zum Sonntag nicht geschafft heute. (Und sehe gerade an der Uhrzeit, es ist schon morgen)
Heute ging mir gar eine neue Rubrik für Tainted Talents durch den Kopf: Zu müde aber jetzt, die Idee in Worte zu fassen.
So. Jetzt hab ich's endlich raus. Meine regelmäßigen Leser wissen es: Seit mir vor Monaten der Chirurg aus Damaskus die Wirbelsäule aufschnitt, das Stück meiner Bandscheibe entnahm, das dort auf dem Nerv lag und das Ganze sorgfältig wieder vernähte, plage ich mich damit, meine Körperwahrnehmung zurückzugewinnen. Vor dem Schnitt war ich eine Süchtige: Ich rannte morgens zehn Kilometer, jeden Tag. Und fühlte mich wie ein Sack Fleisch, wenn ich's mal nicht tat. Pure Droge, das Rennen.
Seitdem ich's nicht mehr darf, kämpfe ich darum, einen Zuneigung zu der Art sportlicher Fortbewegung zu gewinnen, die mir von höchster Stelle verordnet wurde: Dem G e h e n. Mein Gott, wie schrecklich sie aussehen, die Geher. Alt sind sie auch, in der Regel. Und es gibt einfach ums Verrecken keinen Kick-off im Gehirn, so raffiniert man das Gehen auch betreibt.
Dachte ich.
Bis vor ein paar Tagen. Denn es gibt einen Trick. Zugegeben, ich hab eine Weile gebraucht, um darauf zu kommen. Der Trick ist, zu gehen wie eine Geliebte.
Vergessen Sie Kopf und Nacken, Arme und Beine - das kommt später. Zunächst einmal konzentriert man sich auf den Rumpf. Besonders den unteren Teil. Es gilt, ihn zusammenzuziehen beim Gehen. Rücken, Bauchmuskeln, Hintern, Beckenboden, alles schön fest zusammenziehen. Atmen nicht vergessen.
Und dann lässt man das Ding kreisen. Der Schwung entsteht (sorry, meine männlichen Leser werden das nicht praktizieren können) indem man sich vorstellt, man hätte eine kleine Kugel (sagen wir, von Murmel bis Tischtennisball, je nach Geschmack) zwischen den unteren Lippen, die es beim Gehen ständig in Rotation zu halten gilt. Ist man gelangweilt, bleibt sie stecken und ziept, ist man indes zu aufgeregt, flutscht sie einem weg und kullert auf den Weg. Man braucht also genau das richtige Maß zwischen diesen beiden Zuständen. Es hilft, sich diese Kugel in den ersten ein- bis zwei Kilometern langsam aufzubauen; beim Starten funktioniert's noch nicht, man muss erst warm sein. Spürt man sie dann, nach einer Weile, verwandelt sich das Gehen in etwas anderes. Es wird zu einem Rollen.
Dann kann man die übrigen Gliedmaßen dazu nehmen: Kinn leicht, ganz leicht nach oben. Arme je nach Gusto ausschwenkend, aber sachte angespannt, der Nacken dagegen so locker wie möglich. Die Beine? Sind eh das geringste Problem, einfach aus der Hüfte heraus, kleine Schritte, und nicht auf die Füße kucken.
Tja. So einfach ist das. Wenn man's mal weiß. Gehen ist gut, aber Rollen ist definitiv besser. Wenn man eine Frau ist. Falls es auf Ihrer Seite vergleichbare Modelle gibt, werte männliche Leser, lassen Sie es mich und die Leserinnen hier doch bitte wissen. Der Vollständigkeit halber. Und weil's mich wirklich interessieren würde.
Ich sollte vielleicht etwas zu dieser Zeichnung sagen. Oder sie jemandem widmen. Oder den Satz in Klammern erklären. Tu ich alles nicht.
Gestern erreichte mich über skype von semiothicghosts folgender Ein-Silben-Kommentar: "Krass."
Ich verlass mich einfach mal darauf, dass Sie, werte Leser und Betrachter, ihre eigene Silbe auch ohne Erklärungen meinerseits finden.
Ist irgendjemand von Ihnen mal im Netz auf eine Idee gestoßen, wie man diese männlich orientierte Schreibweise auflösen könnte?
Bei meiner Arbeit als Online-Redakteurin stellt sich mir ständig die Frage.
Soll ich zum Beispiel "Autoren" schreiben und die weiblichen damit außen vor lassen, wie immer noch gemeinhin üblich? Oder "Autorinnen und Autoren"? Das durchzuhalten, verhaut einem jeden Text. Ebenso wie "AutorInnen": Hässlich.
Nur noch die weibliche Form zu verwenden, ist auch keine Lösung, führt unweigerlich zu Missverständnissen.
Vor ein paar Tagen sah ich "Autoren&innen", gefiel mir eigentlich ganz gut - bis die Korrekturleserin es mir beanstandete, weil sie meinte, das sähe wie ein Formatierungsfehler aus.
(Vorschläge?)
Seltsamer Ausdruck. So auf der Mitte zwischen "erwischt" und "zum Opfer" werden. Er gefällt mir, weil er einen eher mystischen Zugang zu Gefühlszuständen anbietet, für die wir in unserem Alltagsdenken oft ganz triviale Ausdrücke verwenden: Etwas macht uns "fertig", oder gleich "kaputt". Beliebter Anglizismus in diesem Zusammenhang: Der "Knock-out". Dicht gefolgt vom "Burn-out".
In diesen Begriffen steckt eine andere Zeit als in anheim fallen. Es ist ein Riesen-Unterschied, ob man sich von einer Depression fertig machen lässt - oder ob man ihr anheim fällt, finden Sie nicht?
Man fällt einer Sache anheim, die mächtiger ist als man selbst. Das kann eine Situation sein, ein Gefühl, eine Droge. In der Literatur ist es der Wahnsinn, dem man anheim fällt. Der Melancholie. Dem Vergessen, oder gleich dem Tod.
Doch um Sie an diesem wunderbar milden Sonntag nicht mit Düsterkeit zu beschweren: Es gibt auch die weniger bedrohlichen Formen wie das anheim geben und das jemandem eine Entscheidung anheim stellen.
Zum Glück fällt mir eben noch ein, man kann ja auch einer Leidenschaft anheim fallen... sicher auch mit beträchtlichen Risiken verbunden, aber doch um einiges attraktiver, als gleich ohne Umweg wahnsinnig zu werden.
Grins.
Auf jeden Fall möchte ich es Ihnen völlig anheim stellen, werte Leser, ob Sie sich heute der sonntäglichen Trägheit anheim geben, oder der Herbstmelancholie anheim fallen...
Ich für meinen Teil begebe mich demnächst ins Atelier, um diese vermaledeite Zeichnung zu vollenden, deren, ich glaube mittlerweile vierte, Version ich in Arbeit habe. Es ist nicht beheizt, mein Atelier, nur ein kleines Heizlüfterchen zu meinen Füßen verhindert, dass ich der Auskühlung anheim falle.
geht mir der Begriff "affirmativ unterwandern" nicht aus dem Kopf. Als strategische Haltung. Weil mich Ablehnung als Reaktion auf bestimmte unliebsame Zustände höchst selten auf originäre Ideen bringt.
... und weil meine eigene Zeichnung noch nicht fertig ist, hier eine neue Episode von "Simons Cat". Ich mag Simon Tofield. Ich selbst zeichne ja ohne Katze, was sicherlich dem Gelingen meiner Arbeit förderlicher ist. Aber sehen Sie selbst.
Ich muss zugeben, dass ich diesen Ausdruck der Zuneigung wirklich sehr, sehr mag. Auch wenn er sich besser für Schriftliches eignet. Zum Beispiel als Abschluss eines Briefes (ja, die gibt es noch, die Dinger auf Papier) an jemanden, zu dem man ein freundliches, aber nicht unbedingt vertrauliches Verhältnis hat. "Bleiben Sie mir gewogen!" eignet sich trefflich, um einen Brief an eine solche Person zu beenden. Da schwingt ein gewisses Augenzwinkern mit, das uns in den üblichen Briefabschlüssen meist fehlt. Die sind entweder förmlich oder vertraulich, dazwischen gibt's nicht viel.
Auch, um über Abwesende zu sprechen, kann man gewogen benutzen: "Die beiden sind sich sehr gewogen" passt zum Beispiel gut auf ältere Männer, die seit Jahren befreundet sind, ohne dass man sie als Kumpanen bezeichnen würde.
Bin ungeduldig heute, verehrte Leser&innen, mich drängts ins Atelier. Zum gewogen sein gäb's noch einiges zu sagen, aber vielleicht kommt das heute mal von Ihnen? Ist ja Sonntag. Da könnten Sie doch mal ein Sätzchen oder zwei hier formulieren, während ich mit meiner neuen Zeichnung ringe.
Ja, auch mit Zeichnungen kann man ringen.
Sie wissen ja inzwischen, Leser, dass ich mich zur Buchmesse nie selbst äußere. Was nicht hieße, dass ich sie nicht besuche, auch diverse Dinge von dort berichten könnte, nein, es heißt schlicht, dass mir die Zeit fehlt. Solange ich nicht dafür bezahlt würde. Wie die von mir geschätzte Andrea Diener, die auch dieses Jahr wieder für FAZ online das Buchmessenblog schreibt. Auf das ich hier gerne verweise.