phyllis - 23. Nov 2009, 22:10
"Ehrgeiz"
Ursprünglich von Ehre und Geiz. Die mittelalterliche Bedeutung von Geiz ist aber Gier - Ehrgeiz bedeutete damals also nach Ehre gieren und nicht etwa mit Ehre geizen.
Ein zwiespältiger Begriff. Deswegen ersetzen wir ihn inzwischen gerne mit dem englischen Ambition, das klingt weniger verkrampft. (Von Ambition "getrieben" würde man nie sagen, auch nicht von Ambition "zerfressen")
Ich sprach in den letzten Tagen mit zwei Künstlern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, außer in einem Punkt: Beide arbeiten radikal und kontinuierlich an ihrem Werk. Spezialisten in Sachen Ehrgeiz, könnte man meinen.
Der Erste versicherte mir, je mehr Druck auf ihm laste, desto leistungsfähiger würde er: Sein Ehrgeiz, ja Stolz, bestünde darin, niemals überfordert zu sein.
"Was ist Dein Antrieb?" fragte ich.
"Ich will Spuren hinterlassen. Ich will, dass mein Werk mich überdauert" erwiderte er. Die klassische Künstlerantwort: Ausweichend, aber solide.
Der zweite drückte sich anders aus: "Ich will ein Leben führen, das mich glücklich macht" sagte er. "Ich male, weil Malen das Einzige ist, was mich wirklich packt. Ich will den Flow."
"Hm?"
"Diesen Zustand, der meinen schöpferischen Prozess begleitet" sagte er.
"Ist der dir wichtiger als das, was hinterher mit Deinen Arbeiten passiert?"
"Ja."
Diffuse Aussagen. Man muss Stunden reden mit Künstlern, um zur Quelle ihrer Ambition vorzudringen - am Anfang versuchen sie immer, einen mit den bekannten Brocken abzufertigen: Sich in die Geschichte einschreiben, schöpferische Potenz, "nicht anders können" - die ganze Palette. Mach ich auch nicht anders, wenn ich gefragt werde.
Aber eines kann ich sagen: Die Idee, in meinen Werken fortzubestehen, wenn mein Körper mal nicht mehr da ist, motiviert mich kein Stück. Auch der klassische Ehrgeiz, sich schillernd aus einer Masse herauszulösen, ist mir eher fremd.
Ich mochte die Idee von Ehrgeiz noch nie. Obwohl ich ganz sicher Ambitionen habe. Nicht zu knapp sogar. Vielleicht ist es dieser angekoppelte Wettbewerbsgedanke, der mich so abstößt - der gesellschaftliche Kontext liegt mir einfach nicht. Die permanente Rede von "Leistungsbereitschaft" lässt mich schon fast automatisch auf Abwehr schalten: Zu laut dröhnt da die Instrumentalisierung mit.
Ich wollte mich nie um etwas bewerben. Ich wollte nicht gezwungen sein, Hindernisse aus dem Feld zu räumen, um meines eigenen Vorteils willen, schon gar keine menschlichen. Ich wollte auch nicht ständig Bereitschaft signalisieren, den Erwartungen anderer zu genügen. Ich habe ein geradezu unstillbares Bedürfnis nach Freiräumen.
Natürlich bleibt eine Künstlerkarriere auch nicht verschont von Zwängen, ganz im Gegenteil, wir kämpfen uns, wie alle anderen Arbeitenden auch, an den Vorgaben ab, die nun einmal "zum System gehören".
Dennoch gibt es so etwas wie eine künstlerische Haltung. Sie ist keine Konfektionsware; man kann sie nicht kaufen, nicht erben und nicht leihen - jedenfalls nicht auf Dauer. Als ich beschloss, Künstlerin werden zu wollen, nein, eher eine zu sein, war es wegen dieser Projektion: Dass man als Künstler seine eigenen Regeln aufstellen dürfe. Sogar muss. Dass es möglich sein könnte, mit dieser speziellen Wahrnehmung (die man vor sich her trüge wie einen Schild) ein eigenes Revier aufzumachen.
Na ja. Damals war ich dreizehn.
Was geblieben ist: Die Haltung hinter einem künstlerischen Werk interessiert mich im Grunde nachhaltiger als das Ergebnis.
Ich hab' eine ganze Menge geschaffen in den vergangenen Jahren - doch das, was ich nicht geschaffen habe, überwiegt bei weitem. Tausende verworfener, versickerter Ideen, Zeichnungen, Bilder, Texte. Ginge ich in der Beurteilung meiner Schaffenskraft nur von Ergebnissen aus, würde meine Bilanz eher ungünstig ausfallen: Sie würde verhagelt von allem, was unsichtbar geblieben ist.
Meine Ambition richtet sich aber mehr darauf, einen unverwechselbaren Blick zu praktizieren: Als Ausdruck einer Haltung, die auch außerhalb der künstlerischen Produktion wirksam wird. In den Zusammenhängen, in denen ich Lohnarbeit verrichte. Während ich durch den Park trabe. In meinen Beziehungen. Beim kochen, saufen, schweigen, denken, vögeln, bei einfach allem. Und: Ich will die Kontexte, in denen ich handle, durch meine Präsenz verändern. Mich in sie einschreiben. Alles, was ich bin - und kann - zielt auf diesen Moment ab, in dem Vermischung stattfindet.
phyllis - 22. Nov 2009, 13:17
Nachdem mal für ein paar Minuten der Himmel so aussah, als habe er sich ausgeregnet, warf ich mich vorhin in die Laufklamotten und auf die Straße. Auf dem Weg zum Park kam ich an zwei sportlichen jungen Männern vorbei, höchstens achzehn die beiden. Sie drehten sich zu mir, der eine pfiff, als ich herantrabte.
"Macht euch nur lustig über mich" grummelte ich, lief vorbei.
"Nein, nein", rief der junge Mann mir hinterher, "Sie sind noch topfit! Das muss man Ihnen lassen!"
Sie ahnen, Leser, an welchem kleinen Wörtchen sich mein Unmut aufgehängt hat. Verdammt. Mit achzehn hält man jede Frau über dreißig für ne alte Mähre.
phyllis - 17. Nov 2009, 17:07
»ich will das sagen, was ist – aber nicht das was sichtbar ist, nicht das was auf der oberfläche liegt, ich will das sagen was wichtiger ist – das ursächliche – das was im bewusstsein und auch im unbewusstsein überall geschieht – das was an den anfang und an das ende erinnert – das wesentliche in sachen und erscheinungen – das was chaos und ordnung zu einer einheit verbindet.
ich sage es so gut ich kann – mit dem ganzen unvermögen es zu sagen, stottere – spucke – plappere – kotze – drücke – schwitze – heule – brülle…
aber weil das wichtige so allumfassend ist – finde ich mich meistens bei einer rede über etwas anderes – und so fange ich immer wieder neu an.«
Gertrude Stein
phyllis - 17. Nov 2009, 11:47
"Um den heißen Brei herumreden"
tät ich des öfteren hier, behauptete meine Freundin kürzlich. Ich schnitte Themen an, die ich nicht ausführte, mache Appetit, ohne nachzulegen.
"Beispiel?" fragte ich. Auf den ersten Blick fand sie keines. Vielleicht weiß ich trotzdem, was sie meint. In Abständen tauchen sie tatsächlich immer mal auf - Absichtserklärungen, mich zu bestimmten Dingen zu äußern, auf die dann lange nichts folgt.
Andererseits, ich bin kein Provider! Tainted Talents ist kein Seminar. Ich m u s s nicht liefern. Auch keine vollständigen statements. Irgendwie kränkt mich die Unterstellung, ich redete um den heißen Brei - denn was spricht dagegen, Dinge gelegentlich unausgesprochen zu lassen? Ich rede Tacheles, wenn's darauf ankommt. Ansonsten versuche ich, nach und nach hier thematisch alles einzubauen, was mir wichtig ist. Ich will hier nicht schreiben, "wie mir der Schnabel gewachsen ist": Es bekäme mir nicht. Ich muss Formatierungen finden für die Gebiete, auf denen sich mein Denken bewegt. Das braucht seine Zeit - und es ist kein spontaner Prozess. Mich interessieren die Weblogs nicht, auf denen die Leute einfach ihr Privatleben hinschütten.
phyllis - 15. Nov 2009, 13:41
Das Winterschaf
steht lässig rum
es hat den wärmsten
Pulli um.
Verzeihung, werte Leser. Ich werd immer albern im November.
phyllis - 13. Nov 2009, 19:24
"knacken"
Heißt schlafen. Im Ernst. Erinnern Sie sich?
Weil ich dieses Wochenende ein intensives Seminar mit sieben sehr besonderen jungen Menschen hatte (Danke - ich weiß, dass Ihr hier auftauchen werdet), heute mal ein Wort aus meiner eigenen Jugendzeit. Benutzt niemand mehr: Knacken.
"Kann ich heute Nacht bei Dir knacken?" fragten wir unsere Freunde. "Pennen" ging auch, "knacken" war aber normaler. Keine Ahnung, wie das aufkam. Meiner Mutter entgleiste auf jeden Fall das Gesicht, wenn sie mich das sagen hörte.
"Ich bin volle Kanne eingeknackt in Reli" war damals ein absolut brauchbarer und normaler Satz. (Schwer vorzustellen, hm?)
Schade, die meisten meiner Jugendworte sind mir entglitten. Im Moment fällt mir noch "ätzend" ein. "Krass" war auch beliebt, mit der Steigerung "oberkrass".
Vielleicht können Sie, werte Leser, ja noch ein paar beisteuern.
phyllis - 08. Nov 2009, 18:45
Ab morgen übers Wochenende ein neues Seminar mit den Start-Stipendiaten; ich schrieb früher schon davon. Freue mich. Ins Atelier kam ich diese Woche allerdings noch gar nicht, nun ist's zu spät, heute mach' ich Seminarvorbereitung.
Die neue Zeichnung schwirrt mir auf einer parallelen Ebene ständig durch den Kopf, ich sehe die Figuren vor mir, zeichne in Gedanken, das Atelier wartet. Nächste Woche, endlich.
Auch die neue Rubrik für hier ist in Arbeit, sie soll "Tainted Truth" heißen: Kurze Behauptungen aus allen Bereichen meines Denkens, derer ich mir selbst noch nicht sicher bin. Vielleicht auch nie sicher sein werde. Auch, mal wieder, als Einladung an Sie, werte Leser, sich hier reagierend zu vergnügen.
Erstmal, für alles Schöpferische, zumindest dessen Ausführung, brauch ich jedenfalls einen Schnitt: Erledigen, was getan werden muss, vorher. Dann die Leere einziehen lassen. Langsam ausrichten. Dann manifestieren.
phyllis - 05. Nov 2009, 13:40
Der Brotberuf,
der Brotberuf,
ist vorne Lächeln,
hinten Huf.
phyllis - 03. Nov 2009, 17:28
Hab das Wort zum Sonntag nicht geschafft heute. (Und sehe gerade an der Uhrzeit, es ist schon morgen)
Heute ging mir gar eine neue Rubrik für Tainted Talents durch den Kopf: Zu müde aber jetzt, die Idee in Worte zu fassen.
phyllis - 02. Nov 2009, 00:44
So. Jetzt hab ich's endlich raus. Meine regelmäßigen Leser wissen es: Seit mir vor Monaten der Chirurg aus Damaskus die Wirbelsäule aufschnitt, das Stück meiner Bandscheibe entnahm, das dort auf dem Nerv lag und das Ganze sorgfältig wieder vernähte, plage ich mich damit, meine Körperwahrnehmung zurückzugewinnen. Vor dem Schnitt war ich eine Süchtige: Ich rannte morgens zehn Kilometer, jeden Tag. Und fühlte mich wie ein Sack Fleisch, wenn ich's mal nicht tat. Pure Droge, das Rennen.
Seitdem ich's nicht mehr darf, kämpfe ich darum, einen Zuneigung zu der Art sportlicher Fortbewegung zu gewinnen, die mir von höchster Stelle verordnet wurde: Dem G e h e n. Mein Gott, wie schrecklich sie aussehen, die Geher. Alt sind sie auch, in der Regel. Und es gibt einfach ums Verrecken keinen Kick-off im Gehirn, so raffiniert man das Gehen auch betreibt.
Dachte ich.
Bis vor ein paar Tagen. Denn es gibt einen Trick. Zugegeben, ich hab eine Weile gebraucht, um darauf zu kommen. Der Trick ist, zu gehen wie eine Geliebte.
Vergessen Sie Kopf und Nacken, Arme und Beine - das kommt später. Zunächst einmal konzentriert man sich auf den Rumpf. Besonders den unteren Teil. Es gilt, ihn zusammenzuziehen beim Gehen. Rücken, Bauchmuskeln, Hintern, Beckenboden, alles schön fest zusammenziehen. Atmen nicht vergessen.
Und dann lässt man das Ding kreisen. Der Schwung entsteht (sorry, meine männlichen Leser werden das nicht praktizieren können) indem man sich vorstellt, man hätte eine kleine Kugel (sagen wir, von Murmel bis Tischtennisball, je nach Geschmack) zwischen den unteren Lippen, die es beim Gehen ständig in Rotation zu halten gilt. Ist man gelangweilt, bleibt sie stecken und ziept, ist man indes zu aufgeregt, flutscht sie einem weg und kullert auf den Weg. Man braucht also genau das richtige Maß zwischen diesen beiden Zuständen. Es hilft, sich diese Kugel in den ersten ein- bis zwei Kilometern langsam aufzubauen; beim Starten funktioniert's noch nicht, man muss erst warm sein. Spürt man sie dann, nach einer Weile, verwandelt sich das Gehen in etwas anderes. Es wird zu einem Rollen.
Dann kann man die übrigen Gliedmaßen dazu nehmen: Kinn leicht, ganz leicht nach oben. Arme je nach Gusto ausschwenkend, aber sachte angespannt, der Nacken dagegen so locker wie möglich. Die Beine? Sind eh das geringste Problem, einfach aus der Hüfte heraus, kleine Schritte, und nicht auf die Füße kucken.
Tja. So einfach ist das. Wenn man's mal weiß. Gehen ist gut, aber Rollen ist definitiv besser. Wenn man eine Frau ist. Falls es auf Ihrer Seite vergleichbare Modelle gibt, werte männliche Leser, lassen Sie es mich und die Leserinnen hier doch bitte wissen. Der Vollständigkeit halber. Und weil's mich wirklich interessieren würde.
phyllis - 28. Okt 2009, 14:41