Glatteis unter der Tagesdecke.
- Sag’ mir, was die Mechaniken sind.
- Na, das ist einfach. Konsumismus. Besitz- und Machtanhäufung. Sicherheitsdenken. Meinungsmache.
- Fehlt noch mindestens eine.
- Was?
- Die des geringsten Widerstands.
- Hihi. Wir müssen ja immer schnell sein. Zaudern ist peinlich. Vor allem lästig für die Anderen. So wird man ja nie fertig!
- Manche würden das Opportunismus nennen.
- Versuchen wir, die Begriffe neutral zu halten.
- Einverstanden. Der geringste Aufwand gehört aber auch noch dazu. Beim Denken, meine ich.
- Das zählt zum Konsumismus. Wir verzichten auf eigene Ideen ....
- Dauert viel zu lange!
- Stattdessen sammeln wir uns den Kram lieber aus dem zusammen, was andere schon gedacht haben.
- Wir machen Collagen! Nein, Patchwork. So eine Art Tagesdecke, die werfen wir morgens über’s Gehirn, damit es den Tag über gut aussieht...
- Hübsch machen! Noch so eine Mechanik.
- Das Problem ist, wir haben kein Bild, das stark genug ist.
- Für was stark genug?
- Na ja, der Kapitalismus setzt sich durch. Er ist das dominante Prinzip. Überall dort, wo die Bindekraft der Religion nachlässt...
- Ja. Es gibt nur diese beiden.
- Hm...
- Es gibt keinen Gegenentwurf. Zum Kapitalismus. Keinen machtvollen. Keinen, der uns inspiriert.
- Komisches Wort in dem Zusammenhang.
- Na ja. Dieser Europagedanke zum Beispiel. Das könnte so ein großes Bild werden von kultureller Identität, die über eigene Befindlichkeit rausgeht. Weil, ohne ein neues Identitätsding schaffen wir’s nicht. Bleiben Konsumenten. Aber alle sprechen über’s Geld und niemand bringt mal ein Bild ins Spiel. So kann es nichts werden, das ist viel zu pragmatisch. Kein gesunder Pathos, keine Verklärung, keine Wucht. Nur immer wieder die kleinen Ängste, man könnte schlechter abschneiden als der Andere.
- Eurobonds! Woran denkst du dabei?
- Na ja, Staatsanleihen halt.
- Aber Bond heißt auch Bindemittel...
- Was ist denn unser Bindemittel, unsere Quelle für Solidarität?
- Wir hatten mal eine. Sie hieß christliche Nächstenliebe.
- Was für 'ne irre Vorstellung. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst...
- Sie hat aber keinen Hebel gegen die Gier, sie ist Nebenprodukt des Wohlstands inzwischen, kein Gegenentwurf.
- Mehr Kaffee?
- Unbedingt.
Aktuell: TTagesjournal
- Na, das ist einfach. Konsumismus. Besitz- und Machtanhäufung. Sicherheitsdenken. Meinungsmache.
- Fehlt noch mindestens eine.
- Was?
- Die des geringsten Widerstands.
- Hihi. Wir müssen ja immer schnell sein. Zaudern ist peinlich. Vor allem lästig für die Anderen. So wird man ja nie fertig!
- Manche würden das Opportunismus nennen.
- Versuchen wir, die Begriffe neutral zu halten.
- Einverstanden. Der geringste Aufwand gehört aber auch noch dazu. Beim Denken, meine ich.
- Das zählt zum Konsumismus. Wir verzichten auf eigene Ideen ....
- Dauert viel zu lange!
- Stattdessen sammeln wir uns den Kram lieber aus dem zusammen, was andere schon gedacht haben.
- Wir machen Collagen! Nein, Patchwork. So eine Art Tagesdecke, die werfen wir morgens über’s Gehirn, damit es den Tag über gut aussieht...
- Hübsch machen! Noch so eine Mechanik.
- Das Problem ist, wir haben kein Bild, das stark genug ist.
- Für was stark genug?
- Na ja, der Kapitalismus setzt sich durch. Er ist das dominante Prinzip. Überall dort, wo die Bindekraft der Religion nachlässt...
- Ja. Es gibt nur diese beiden.
- Hm...
- Es gibt keinen Gegenentwurf. Zum Kapitalismus. Keinen machtvollen. Keinen, der uns inspiriert.
- Komisches Wort in dem Zusammenhang.
- Na ja. Dieser Europagedanke zum Beispiel. Das könnte so ein großes Bild werden von kultureller Identität, die über eigene Befindlichkeit rausgeht. Weil, ohne ein neues Identitätsding schaffen wir’s nicht. Bleiben Konsumenten. Aber alle sprechen über’s Geld und niemand bringt mal ein Bild ins Spiel. So kann es nichts werden, das ist viel zu pragmatisch. Kein gesunder Pathos, keine Verklärung, keine Wucht. Nur immer wieder die kleinen Ängste, man könnte schlechter abschneiden als der Andere.
- Eurobonds! Woran denkst du dabei?
- Na ja, Staatsanleihen halt.
- Aber Bond heißt auch Bindemittel...
- Was ist denn unser Bindemittel, unsere Quelle für Solidarität?
- Wir hatten mal eine. Sie hieß christliche Nächstenliebe.
- Was für 'ne irre Vorstellung. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst...
- Sie hat aber keinen Hebel gegen die Gier, sie ist Nebenprodukt des Wohlstands inzwischen, kein Gegenentwurf.
- Mehr Kaffee?
- Unbedingt.
Aktuell: TTagesjournal
phyllis - 17. Aug 2011, 10:02
499 reads





"WIR"
(tolles Hirn-Jogging, das Sie da vorgelegt haben, liebe Phyllis!)
Ich schrieb vom "wir",
Darum ging's mir aber auch nicht, sondern um ein kurzes, privates Stand-des-Denkens-Ding. Eine phyllinisches Tasten. Weil ich dazu neige, mich im Informations-Overload zu verlieren, in Details auch. Dann kommt's oft so weit, dass ich überhaupt keinen Ansatzpunkt mehr sehe. Solche Texte sind für mich wie ein Fäustling: In Fingerhandschuhen kann man zwar gut greifen, aber im Fäustling spürt man die Hand besser. Oder, auf den Text bezogen, das Denken.
Sie sehen, ich bewege mich schon in Herbstbildern. Seltsam, da doch heute (endlich!) mal wieder Sommer ist ; )
"WIR", ff.
Ihr Text erzählt nichts Neues. Das ist wohl wahr, wäre ihm aber rechtens nicht vorzuhalten. Er erzählt Bekanntes in neuer Form. Darauf kommt es an. Die Gedankenösen zum einhakenden Weiterdenken finden sich nicht in den nackten Tatsachen, sondern in der Darstellung ebendieser. Neue Form, neue Ösen.
"...sie ist Nebenprodukt des Wohlstands inzwischen,..." schreiben Sie über die Nächstenliebe. Damit zeichnen Sie die Entwertung des Begriffs zum "Mitgefühl wie eine Art Abstandshalter" nach, wie Sie an anderer Stelle mal so treffend formulierten. Nächstenliebe (oder vielleicht sogar "agape"?) braucht keinen Hebel gegen die Gier. Sie ist der Hebel. Könnte ich das Ihrem Text vorhalten? Nein. Denn er verschaffte mir ein weiteres Stück Klarheit.
Immerhin tasten Sie schon, haben also auch schon eine Richtung? - ich eiere und schlingere noch so vor mich hin. Aber mit "System".)
PS. diadorims leptosome Ingieneure verfolgen mich ein wenig - nicht weil ich einer wäre, aber es ist schon verdammt/zu nahe dran (so homo faber fuzzy forkyas muss seine kybernetisch-versklavten nanoroboter in'n Standby verfrachten)