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ich finde, sie haben...
ich finde, sie haben da eher eine onlinie gemacht;-)
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Wundervolles
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phyllis - 19. Februar, 17:53
mhm, das kenne ich
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Bin doch
gar nicht weg. Nur leise! : )
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Malen Sie mal
Wir werden Sie immer noch gerne lesen, wenn Sie wiederkommen!
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Phyling, ff
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phyllis - 18. Februar, 13:10
wie trefflich du schon...
wie trefflich du schon löschen kannst. also vorheriges ist nach meinem...
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Zuletzt aktualisiert: 25. Februar, 14:18

Tagebücher:: Farah Days Tagebuch

Farah Days Tagebuch, 50

Mittwoch, 4. Januer 2017

Und wieder einmal sind es die Weggefährten, nicht die neuen Gesichter, die mich mein Leben spüren lassen. Unsere wettergegerbten Bündnisse.
Wir kamen zusammen, als in allen Blicken noch der Mutwillen stand. Inzwischen mustern wir uns sorgfältiger, tauchen unsere Ruder in die Flüsse, die wir einander geworden sind. Unterschwellig geht es immer um Energie. Wer hat welche, wer nicht? So manches Ruder ist schwer von Algen.

Regen. Über Nacht hat er das Alpenveilchen geplättet, die vollgesogenen Blütenblätter liegen auf ihrem Blattwerk wie pinke Mündchen.


Tagebücher:: Farah Days Tagebuch
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Farah Days Tagebuch, 49

28. Dezember 2016

Im kommenden Jahr mehr Bilder malen und ausstellen, häufiger unterschwelliges Denken aufspüren, seltener defizitär resümieren, (überhaupt seltener resümieren, himmelherrgott!), Entscheidungen, die zu treffen sind, nicht immer als Beschneidung der Vielgestaltigkeit auffassen,
Kurztrips ins Ausland.
Da Klamotten reichlich vorhanden und Schuhe ebenfalls wird es Zeit, die Kohle, falls überschüssig, in komplexere Entwürfe zu investieren, auch sieben bis zehn Kilo könnten runter, ohne dass die Garderobe ausgewechselt werden oder ein neuer Stil her müsste,
Landebahnen, Stege, Brücken malen. (Und Leitern aller Art)
Fixkosten überprüfen, im realen wie übertragenen Sinne, Investitionen desgleichen, einfach mal durchweg alles in Frage stellen, nach vorne, nicht nach hinten schauend,
Vorlieben erspüren, die nicht konsumabhängig sind. Auch die Nachlieben nicht vergessen,
dabei weniger Angst vor Fremdsein, Argwohn, Ungültigkeit zulassen (obwohl, Angst ist okay und vielleicht wesentlich zur Aufladung von Plänen und Situationen, wäre also nur die Starre zu vermeiden, die aus ihr resultiert, so oft),
Paukenschläge inszenieren.
Insgesamt nicht mehr so viel Zeit in die Neuschöpfung von Ausreden investieren, das Repertoire stattdessen wiederverwenden, vor allem, was jene anbelangt, die ich nur mir selbst gegenüber einsetze,
grundsätzlich gilt: Was ich nicht gemacht habe, habe ich nicht tun wollen, hugh, zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht,
mehr Katzen zu treffen wäre hierbei lehrreich und vonnöten.
Gefühle identifizieren, denn so seltsam das anmuten mag, Gefühle zu identifizieren ist hohe Kunst, die werden andauernd interpretiert und vermarktet, ohne zuvor im Kern gefühlt worden zu sein, das hat Auswirkungen auf die Gesellschaft, den Sex, den Glauben, die Karrieren, die Schwarm- und Einzelintelligenzen, den Mut, Gleichzeitigkeit und Anderssein zu denken und was weiß ich noch, ist auf jeden Fall fatal und braucht mehr
mehr
Eigeninitiative.
Freiwilligkeit ist ein Privileg. Wir suchen uns nicht aus, geboren zu werden, geschweige denn in welche Kultur oder in welchen Krieg, wir werden schlichtweg an die Luft gepresst und dann läuft es für wenige wie am Schnürchen und für viele wie an der Kette und die wehren sich irgendwann und die Schnürchenmenschen behaupten dann gerne, ihre Schnürchen seien doch auch Ketten, aber das stimmt so nicht,
stimmt so nicht, weil die meisten von uns hier inklusive mir kämpfen um den Erhalt von Zuständen, nicht um deren Erlangung und das ist ein verdammtes Privileg, weil wir für diese doch recht angenehmen Zustände meist nicht sonderlich viel getan haben und dieses Privileg gilt es zu befragen, freiwillig, bevor –


Tagebücher:: Farah Days Tagebuch
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Farah Days Tagebuch, 48


Samstag, 26. November 2016


Doch ein wenig erzählen davon, wie sich DERFLUSS gerade anfühlt, eine Armlänge unter dem Wasserspiegel gleitend:
Spiegel
Spiel-Gel
Zähflüssig. Vor allem aber still.
Wir sind viele hier unten. Wir reisen gemeinsam, doch wir lassen uns Zeyt.


Hab einen neuen Liter schwarze Chinatusche gekauft, bei Boesner, der Großzügigkeit wegen. Ein bisschen Aberglaube auch: Aus kleinen Fläschchen steigen nun mal keine Dschinns.
Dazu gekörntes, leicht gelbliches Papier, handgeschöpft, klassisch. Von den traditionellen China-Pinseln bin ich gerade abgekommen zugunsten welcher mit synthetischem Schopf, die vertragen die Tusche auf Dauer besser. Kann nicht alle zwei Wochen ein neues Set Pinsel kaufen.

Das Atelier ist ein Krisenraum, für Anekdoten ist hier kein Platz, alles ist jetzt und neu und dringend. Krisen brauchen intime Sorgfalt, sonst verpuffen sie und man legt die Pinsel weg und isst ein Pfund Eis, anstatt sie auszureiten.
(Oder Schokokekse.)
(I know what I’m talking about, baby)
Die Serie hat mich voll im Griff. Jedes Motiv braucht andere Gesten, entwirft neue Bedeutungsfelder, die betrachtet und befragt werden wollen. Wer tagsüber mit seinen Bildern spricht, weiß abends in Gesellschaft oft nichts mehr zu sagen. Durchaus gefährlich bei Menschen wie mir, die eh zum Schweigen neigen, doch ich kann’s nicht ändern.

(Zum Schweigen neigen.)
(hübsch)

Ebenso will ich verkünden, dass ich ab sofort in meiner Wörterbude das Wort achtsam durch das Wort sorgfältig ersetzen werde, für mindestens ein Jahr. Eine minimal invasive Maßnahme, die dennoch nicht ohne Folgen bleiben wird. Ich mag tendenziell keine Wörter, in denen Zahlen vorkommen. Achtsam, zweisam, einsam... wer braucht die?
Behutsam indes ist hübsch. Fast adrett.

- Weiter, Frau. Erzähl.
- Wassn?
- Was du sonst noch so treibst.
- Ich suche meine verlorene Intimität.
- Wo suchst du sie?
- Außerhalb des Spiegelkabinetts. In der Hingabe.
- Etwas weniger kryptisch, bitte!
- Ich hab mich andauernd beobachtet: mich und meinen Kreis. Meine Auserwählten. Alles sollte immer gut sein, stimmen und nicht weh tun. Ich hab gezählt. Zustände, Stimmungen, Lüste und Leiden. Und versucht, alles in Ordnung zu halten.
- Klingt anstrengend.
- Die Belohnungen sind aber verlockend... deswegen ist es so schwer, davon runterzukommen. Doch bei andauernder Gestaltung von Situationen verschwindet die Falltür: das Gefühl, von einem Augenblick zum anderen verwandelt werden zu können. Ohne zu wissen, ob man das will.
- Verwandelt vom anderen?
- Ja. Und ohne Verwandlung keine Intimität.


Tagebücher:: Farah Days Tagebuch
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Farah Days Tagebuch, 47


Sonntag, der 13. November 2016


Leonard Cohen war der Mann im dunklen Anzug, in dessen sonore Melancholie ich mich fallen ließ, wenn ich fürchtete, mein Chaos nicht mehr aushalten zu können. Als ich noch keine hatte, hat er mir eine Haut gesungen, seitdem trage ich sie unter meiner eigenen. Sie ist ganz weich.

Ring the bells that still can ring

Forget your perfect offering

There is a crack in everything

That’s how the light gets in.


Er ist gestorben.
Stille, erst einmal. Ich lausche immer noch.
Wie das eben ist, wenn jemand stirbt: jemand, auf den es ankommt.

Zwei Ardbeg gestern. Zum Trost. Aber auch, weil B. mich in der Lobby des Hotels warten ließ, in das er mich bestellt hatte. Während er eine Etage höher in einer Konferenz saß, nahm ich in einem der Sessel Platz. Ich trug den schwarzen, fast bodenlangen Kaschmirmantel, hohe Stiefel und sonst nichts.
Das Foyer war pastellig beleuchtet, dazu starkes Lila aus zwei Lichtschächten an der Decke. Ich hatte einen Sessel gewählt, in dem mich jeder würde sehen können, der aus dem Lift träte. Ab- und an hörte ich, wie sich seine Türen öffneten, blickte aber nicht hin. Irgendwann würde es B. sein; das würde ich beim Atmen spüren. Etwas in der Luft verändert sich, wenn er da ist.
Noch war ich offline, doch die Dame an der Rezeption hatte mir einen Code ausgehändigt. Eigentlich rechnen wir den Zugang pro Stunde ab, hatte sie gesagt, doch ihnen erlasse ich die Gebühren. Ich hatte den Zettel mit dem Code dankend entgegengenommen, meinen Mantel fest um mich gezogen und war zurück zu meinem Sessel gegangen.
Ich öffne mein Laptop, gebe die Zahlenfolge ein und warte.

- Ich will das Kügelchen platzen spüren
tippt B. aus dem ersten Stock.

Meine Finger flattern über der Tastatur wie frisch geschlüpft.

It works every time, hat Cohen einmal in einem Interview gesagt und meinte die Sogwirkung seiner Songs. Wie Schatten, unter die man kriecht,
wie wir als Kinder, früher: ein paar Decken über einen Tisch werfen und schnell drunter.
Cohen wusste, was Intimität bedeutet. Und ich, heranwachsend, lernte es auch.
Ich habe lange über sie nachgedacht in den letzten Jahren. Warum sie für mich, hätte ich sie beschreiben wollen, stets dunkel war, im Gegensatz zur Vertrautheit mit einem Menschen. Die immer hell ist.
Es gibt einen Raum zwischen Wollen und Nichtwollen, eine Zeit und einen Klang. Dort eröffnet sie sich. Das Frappierende ist, man kann dort nicht willentlich hin, unwillentlich aber auch nicht.
Intimität wird gegeben.
Und nur, wenn Du einen Raum hast, eine Zeit und einen Klang, wirst Du wissen, dass es gerade passiert.


Tagebücher:: Farah Days Tagebuch
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Farah Days Tagebuch, 46

Montag, 31.Oktober 2016


Alles dehnt sich aus derzeit. Meine Wahrnehmung beginnt, ihrem Anspruch gerecht zu werden; sie ist wahr und sie nimmt.

- Was haben wir getan, warum stürze ich?
- In der Matrix warst du safe, erwidert er, bei mir indes gibt’s nichts als Fallen. Zieh’ noch dein Hemdchen aus.
- ... ok
- Nicht flattern. Ich bin doch dabei.


Ganz friedlich jetzt, doch die Nägel mal wieder runter. Schreibt sich leichter so, ganz weich, intim, bis auf den leisen Schmerz. Morgen wieder künstliche drauf und ein Lack in Herbst-Ocker, Sahara, Serengeti.
Farben des Lebenwollens; ich lass’ das Über heute weg.
Bleib dir troy, flüstert jemand in meinem Kopf. Ich frag’ mich, wer von uns gerade navigiert.
Wir sind viele.
In uns ist alles.
Solange sie flüstern, kann ich sie schlecht unterscheiden, doch im Fortschreiten des Tages wird jemand das Ruder übernehmen.

Den Eintrag, behauptet grad wer, wird wieder keine Sau verstehenwollen.
Is nich’ wichtig. Verstehen wird überbewertet. Montags eh, da wolln alle spielen und dürfen nicht mehr.

Also spielen wenigstens wir.


Tagebücher:: Farah Days Tagebuch
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Farah Days Tagebuch, 45


Dienstag, 25. Oktober 2016

"Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist, nicht wenn er versucht, etwas zu werden, das er nicht ist."
Arnold R. Beisser


Doch wie erfahre ich, was ich bin, was sind die Worte, die Werkzeuge, die Zeichen und Bilderfluten des Ist?
Wie geht Vergegenwärtigung?
Aus welchen Quellen speist sich Schreiben, das Unmittelbarkeit herstellt? Kann es das geben, überhaupt? Ein Jetztschreiben müsste wohl sehr viel mehr mit dem Unbewussten verbunden sein als mit dem Bewussten. Da dieses doch fortwährend nur rekapituliert. Das vermeintliche Bewusstsein praktiziert ein Wiedereinfangen und ins-Wort-setzen von Wahrnehmungsprozessen, deren ursprünglicher Impuls immer bereits in der Vergangenheit liegt, während man nach Worten dafür sucht.

Und dann, vor zwei Wochen, tauchte dieser Mann auf. Fast aus dem Nichts. Er ist noch hinter der Mauer, doch einer wie er bleibt das nicht lange.
„Ich werde Sie Brando nennen“, sage ich in mein leeres Zimmer hinein.
Seine Ausschweifungen stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Bestens gekleidet. Groß.
Reck’ Dich, wenn Du kannst, sagt der Blick aus dem hellgrauen Augenpaar. Ich weiß nicht, was meiner erwidert. Vielleicht einfach nur:
Ich bin hier.
(Einmal geübt, schon gekonnt)


Ich verweigere die Verkontextualisierung. Will eine Weile lang in neuen Situationen nicht mehr „Ich bin, wie...“ sagen, und dann
immer flugs
zur Verdeutlichung nach einem Vergleich suchen.
Sondern einfach „Ich bin“ sagen.
Denn Vergleiche sind gut gegen die Angst vor dem großen, nassen Namenlosen, doch sie wirken wie diese orangenen Schwimmflügelchen von früher: verhindern das Eintauchen.
Inzwischen bin ich entwachsen. Doch die Angst vor dem Unwägbaren ist nicht kleiner geworden, auch wenn man meine Schwimmflügel nicht mehr mit bloßem Auge sehen kann.

Aussagen zu treffen bedeutet, die jeweils aktuelle mit allen anderen in Bezug zu setzen, die ich gerade im Bewusstsein habe: ihren Kontext herzustellen. Die Aussagen miteinander zu vergleichen, ihre Wechselwirkungen zu registrieren. Das alles recht schnell und – zumindest im Gespräch – reflexhaft.
(flugs)
Das ist normal. Wir sind in einer Gesprächskultur des NichtNachklingen-Lassens, haben gelernt, uns zu unterbrechen in der Wahrnehmung dessen, was wir wollen.

„Wir unterbrechen uns. Und einander.“ (– Das mal nachklingen lassen. Was bewirken Unterbrechungen?)
Und im Gespräch mit einem Gegenüber extreme Achtsamkeit praktizieren, auf kleinste körperliche Regungen achten, auch nachfragen:
„ - Was war das gerade? Und was ist Deine Frage dabei? Was ist das B e d ü r f n i s ?“
Ich bin Therapeutin, längst. Und Künstlerin. Schreiben als Bindeglied zwischen den Welten.

„Mein frühes Werk ist die Angst zu fallen. Später wurde daraus die Kunst, zu fallen. Wie man fällt, ohne sich zu verletzen. Noch später – die Kunst, auszuharren.“
Sagte Louise Bourgeois einmal. Meine Seelenverwandte.

Das Pendel von äußerer Wahrnehmung zum inneren Erleben praktizieren.
Die Grundübung dazu: einfach mit geschlossenen Augen in gesammelter Haltung auf einem Stuhl sitzen. Mindestens zehn Minuten, wenn möglich länger.
Wenn ich anfange, das, was ist, anzuerkennen, stellt sich Veränderung ein. Nicht aus der Geste des Verändernwollens.
Vielleicht ist es auch, wenn ich den Tuschepinsel zum Blatt führe, die Sehnsucht nach Expression, nicht jene nach Modifikation. Ich will ausdrücken, was ist. Nicht etwas verändern, das bereits gewesen ist.
gewesen ist
(- Wie unheimlich Sprache werden kann!)

Als Brando sich erhebt, werden Luftmassen verdrängt. Ich horche, doch sein Atem geht ruhig, er muss sich nicht wuchten. Er erinnert mich an jemanden, den ich mal erfunden habe.
Oder war es LeBlanc, der ihn erfunden hat? Schwer zu sagen: Unsere Welten sind im Wechselspiel. Unberechenbar. Wer abwägt, bleibt außen vor. Meistens sind das die anderen.
- Machen wir noch eine Runde?, fragt Brando.
Er lässt mich weiterträumen, nimmt einfach nur meine Hand und führt mich zum Wagen.


Jetzt.
Ich mache mich wahr. Es ist ganz einfach, wenn man nicht unterbrochen wird.


Tagebücher:: Farah Days Tagebuch
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Farah Days Tagebuch, 44

Donnerstag, 29. September 2016

Angsfrei


Der Karneval der Ängste ist vor ein paar Tagen weitergezogen. Nach gut vierundvierzig Jahren wurde es auch Zeit, ich brauche den Platz. Tagsüber kann man sich ja arrangieren, doch ab Mitternacht beginnt die Schicht der Hardliner...
Die arbeiten durch bis zum Morgengrauen.

Als mein Karneval damals anrückte, war ich noch ein Kind, zu unbedarft, die Tarnung zu durchschauen. Ängste kommen ja mit Glitter im Haar und in feine Wörter gekleidet. Die sind gewieft! Immer schon gewesen.
Hätte ich ahnen können, dass sie alle Schaubuden waren? Firlefanz? Die gehören zu mir, dachte ich. Schützen mich vor Schlimmerem.
Meine Wagenburg.
Jahr um Jahr, während ich älter wurde, hab’ ich mich von ihnen breitschlagen lassen, bis genug Gelände für alle da war.
Sie ließen mich in dem Glauben, die Managerin zu sein.
(((Ha!)))

Als die erste Bude damals auf den Platz rollte, war ich wie geblendet: Auf ihren beiden Längsseiten prangte in güldenen, gesperrten Lettern das Wort
V o r s i c h t
Im Laufe der Jahre ist das Gold natürlich ein bisschen abgeblättert. Ebenso das von der R ü c k s i c h t: Die rollte direkt hintendran mit der zweiten Bude ein. Und die dritte, klar, stellte die N a c h s i c h t zur Schau.

Während diese drei ewig auf meinem Gelände zusammenstanden, haben die übrigen immer mal wieder ihre Stellplätze gewechselt. An sie hab’ ich mich deshalb nie so gewöhnt wie an die ersten: Die waren das Siegertrio. Jede mit eigenem Treppchen zum Einsteigen.
Ich hab’ das erst so spät kapiert! Dass die Wagenburg scheiße war, die Versammlung meiner Tugenden nichts als ein Arrangement hübsch beschrifteter Angstbuden.

Woher ich neulich die Kraft nahm, ihnen die Pacht zu kündigen?
Keine Ahnung
Wahrscheinlich hab’ ich schlichtweg die Schnauze voll davon, gelobt werden zu wollen.
Wird spannend, jetzt herauszufinden, wer mich auch ohne mein Siegertrio noch toll findet.
Die weite, geräumte Fläche fühlt sich jedenfalls komisch an, so angsfrei. Muss mich erstmal dran gewöhnen; plötzlich ist es ziemlich leer in mir.

Sogar das t ist weg.
Hat sich wohl in einer der Buden versteckt bei der Abfahrt.


Tagebücher:: Farah Days Tagebuch
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Farah Days Tagebuch, 43

Samstag, 16. Juli 2016

Hey Jude



Überall Namen.
Einige, die man liebt, ein paar, die man hasst, dazu die Riesenzahl derer, die man minütlich via News(flash) eingebleut bekommt, weil sie ein großes Rädchen gedreht,
geputscht,
gemordet oder gesiegt haben und wir das dringlich zur Kenntnis nehmen sollen müssen. Nur selten merk’ ich mir freiwillig welche der dritten Kategorie, doch die endlosen loops lassen einem ja kaum eine Wahl.
Schade nur, dass vor lauter Alarmnamen täglich so viele andere vorbeidriften, die genannt werden sollten.

Hey Jude,
don’t make it bad

Vielleicht fange ich an, alle Judes zu rufen, deren Namen zu selten gehört werden. Sie sind leicht zu erkennen; man muss ihnen nur bei Sonne ins Gesicht gucken. Dann sieht man in ihren Mundwinkeln die Spitzen der Häkchen, an denen das Lächeln aufgehängt ist.

Sitzen zwei Fischer am Ufer des Mainstream und betrachten die Wasseroberfläche. Sagt der eine zum anderen:
„Bereit?“
„Auf drei“, sagt der zweite. „Aber gut zielen diesmal, sonst wird’s wieder schief.“
Sie werfen gleichzeitig die Angeln aus, bis Zug auf den Leinen ist: Ein Namenloser hat angebissen. Als die beiden ihn rauskurbeln, grinst er bereits.
„Saubere Arbeit!“
Die beiden klatschen sich ab. Sie schneiden dem Jude rechts und links die Schnüre direkt an den Mundwinkeln ab, fixieren das andere Ende der Haken innen in seinen Wangen und stellen ihn zum Trocknen hin. Dann schicken sie ihn weiter zur Herde der anderen, die sie mit der Zeit rausgefischt haben.


Take a sad song
and make it better


Tagebücher:: Farah Days Tagebuch
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Farah Days Tagebuch, 42

Samstag, 9. Juli 2016

Tagesverdacht


Jon Kabat-Zinn Vortrag (thanx to Speed) auf dem Laptop gehört. Mindfulness revisited:
Eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit.
absichtsvoll
sich auf den gegenwärtigen Moment beziehend
nicht wertend
(Das Bewusstsein auf Weitwinkel einstellen)

Wer über sich hinaus wächst, darf seine Ich-Illusion behalten.

Ich versiege vor deinen Augen. Darüber ließe sich fast vergessen, wie viel länger du schon leckst als ich: auf deinem langen Lauf nach Utopia. Der Krug ist noch nicht zerbrochen, aber sein Riss spricht Bände.

Mein Tagesverdacht:
Nichts hält länger durch als das Kind in uns.
Wenn die Ich-Konstruktion mit den Jahren Risse bekommt, muss man sich am Kind vollsaufen, bevor man austrocknet.
Passiert oft auf der Mittelstrecke, so zwischen fünfzig und sechzig. Und klingt schöner, als es ist.


(Eben bricht die Sonne durch! Endlich!)

Hurtig reisst der Rosenstrauch
seine pinken Blüten auf.



Tagebücher:: Farah Days Tagebuch
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Farah Days Tagebuch, 41

Donnerstag, 30. Juni 2016

„Killekille...“
LeBlanc neckt meine Rose mit den Fingerspitzen.
Ich seh’ nur ihren ellenlangen, fingerdicken Stiel, unten scharf angeschnitten. Auf den würden glatt zweidrei Köpfe passen: einfach beherzt durch die Ohren durchschieben.
Bin latent zornig. Überhaupt sehr latent seit zweidrei Jahren: Mein Zorn Meine Brisanz treibt unter der Oberfläche, kein Wunder, dass der Kopf so rauscht und fiept, sobald die Alltagsgeräusche verstummen. Die von mir konsultierten Ärzte rieten zur Ablenkung, also habe ich Watte ausgesät: Riesige Baumwollfelder. Die sind durchaus effektiv. Inzwischen fungieren allerdings so große Areale als Lärmschutz, dass sich manchmal mein ganzes Denken wattiert anfühlt, auch tagsüber.

„Bei uns in China sagt man, ein einziger Tropfen Milch genüge, um ein ganzes Glas Wasser einzufärben.“
Immer wieder denke ich an Liyus Satz vom vergangenen Sommer zurück.
(„Willst du nicht so ein Tropfen sein?“)

Stattdessen verstecke ich mich in den Baumwollfeldern.
Kann ich inzwischen einfach zu gut.
Der Morgen regnet vor sich hin. Wie oft haben andere schon in Worte gefasst, wie es sich anfühlt, aus dem Trockenen ins Nasse hinauszusehen, der Klang der Tropfen, durchnässtes Licht, dieses heimliche Vollsaugen mit Melancholie? (Und die ganzen nassen Vögel. Wie schmal die dann sind.)
Bin nicht nur latent, sondern auch voller Ideen, die auseinanderstieben wie ein Schwarm aufgescheuchter Spatzen. Sei laut und nimm Einfluss, tschilpen sie, und nimm gefälligst die Watte aus den Ohren!
Der Morgen ist wach und geil und voller Krisen.
Vielleicht gibt er mir was davon ab.


Tagebücher:: Farah Days Tagebuch
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